Das Sendschreiben im Wortlaut:

Sendschreiben 

vom Deutschen Nationaltheater Weimar an den Ort der ehemaligen Garnisonkirche Potsdam

Weimar und Potsdam 1919 – 2019

Caput 1

Nur wenige Städtenamen in Deutschland verbinden sich mit einer Idee. In der Weimarer Republik waren dies Weimar und Potsdam.

Der „Geist von Weimar“ stand für Demokratie, Liberalität und eine friedliche Außenpolitik, der „Geist von Potsdam“ stand für eine autoritäre Staatsform, für Nationalismus und Krieg.

In der Stadt Potsdam haben die demokratischen Kräfte zwischen 1918 und 1933 immer wieder Kundgebungen organisiert, mit denen sie den „Geist von Weimar“ auch in Potsdam durchsetzen wollten.

Wir erinnern daran.

Rede des Sozialdemokraten Herr Sonntag auf der Anti-Kriegs-Kundgebung des Gewerkschaftskartells  - Potsdam, Konzerthaus am 21.9.1924

Die Leute sagen, es hat immer Krieg gegeben und es wird immer Krieg geben. Und solche Leute, deren Geist noch im Mittelalter lebt, lässt man immer wieder ans Ruder kommen.

In Potsdam erfährt man das täglich. Gerade hier wollen wir ausrufen: Mit diesem Potsdamer Geist des blutigen Massenmordes hat die Arbeiterschaft nichts gemein. Aus der mittelalterlichen Einstellung der Führer und aus ihrem Machthunger ist der Krieg entstanden.

Jene Kreise, die heut wieder Krieg wollen, haben nichts gelernt und alles vergessen. Wir wollen lernen und nichts vergessen. Wir wollen uns Ziele stecken, die wir erreichen können. Allen ein menschenwürdiges Dasein schaffen. Zu der politischen Gleichheit, die in der republikanischen Verfassung auf dem Papier steht, wollen wir die wirtschaftliche Gleichheit erringen.

 

Rede von Johannes Stelling, SPD, Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, ermordet von der SA am 21. Juni 1933  -  Potsdam, Bassinplatz, 26.10.1924,

Dem Geist von Potsdam setzen die Republikaner den Geist von Weimar entgegen. Dem Geist, der sich in Obrigkeitsstaat, in Rache, in Kastengeist und in der Reaktion verkörpert, stellt der Republikaner den Geist der Nächstenliebe, den Geist der Kultur, den Volksstaat und das gleiche Recht für alle entgegen. Im Weimarer Geist wollen wir kämpfen mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln. Wir wollen werben um die Herzen und um die Seele der Wankenden und wollen uns rüsten zur Abrechnung mit den Feinden von Fortschritt und Kultur. Der Gedanke "Nie wieder Krieg" muss einziehen in die Herzen.

 

Rede von Carl Spiecker, Zentrum, 1933 bis 1945 im Exil, 1949 Eintritt in die CDU, Minister für Bundesangelegenheiten des Landes Nordrhein-Westfalen bis 1953 - Potsdam, Bassinplatz, am 9.10.1927

„Republikaner! Komme ich nach Potsdam, gehe ich durch die stillen, alten Straßen, ist mir zumute, als wallfahre ich zu irgendeinem uralten Heiligtum. An irgendeiner Ecke, bei irgendeinem Anblick ist dann plötzlich der Zauber weg. Der Blick wird nüchtern, klar und kalt, weil aus dem Antlitz dieser alten, stillen, ihre stolze Geschichte hütenden Stadt auf einmal nicht mehr das ehrwürdige Alter, die versunkene Zeit herausschauen, weil dies Gesicht sich plötzlich zu einer Gespensterfratze verzerrt, in deren leeren Augenhöhlen Zwietracht und Bruderhass lauern. Schreckhaft zunächst springt uns da die Erkenntnis an: Diese Gespenster leben ja, dieser Spuk ist ja Wirklichkeit!

Zugleich aber mit dieser Erkenntnis reckt sich der Lebenswille empor, hebt sich die Hand, ballt sich die Faust und schlägt zu, schlägt zu, bis diese Gespenster verschwunden, der Spuk verscheucht ist, hier, wo das alte, stockreaktionäre Preußen beheimatet ist.

Wir gehen voran, nicht im Paradeschritt des Potsdamer Drills – wir marschieren nicht immer im gleichen Schritt und Tritt, aber immer vorwärts unaufhaltsam, weil wir des deutschen Volkes kostbarstes Gut in unseren Händen tragen, in unseren Herzen bergen: die deutsche Freiheit!

Um dieser Freiheit willen sind wir auch hier in Potsdam aufmarschiert. Auch zu Potsdams Gespenstern soll der Schrei der Freiheit dringen, damit sie, die immer nur von der Unfreiheit des Volkes leben konnten, endlich im Grab ihre Ruhe finden.

Der Geist von Potsdam ist durch den Geist von Weimar überwunden worden. Ueber Preußen hat Deutschland gesiegt.

Die Republik gehört den Republikanern - aber nur, wenn sie einig sind.

Sechs Jahre nach dieser Rede, 14 Jahre nach dem Start in Weimar, am 21. März 1933 eröffnen die Deutschnationalen und die Nationalsozialisten, Hindenburg und Hitler, den neugewählten Reichstag als „Nationalversammlung von Potsdam“ und Reichstagspräsident Hermann Göring kann bald danach zufrieden feststellen: „Nun ist Weimar überwunden“.

Caput 2

Mit unserem heutigen Blick schauen wir, wieder bang, nach vorne, was nötig und was möglich ist. Wir wollen lernen und sehen, was uns machbar ist für Demokratie, für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.

Christa Wolf reflektiert den trojanischen Krieg in ihrer Erzählung Kassandra so:

Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. 

Wenn es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingegraben, überliefern. 

Was da stünde. Da stünde unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den eignen täuschen.

 

 

Mit den Erfahrungen der Weimarer Republik drängt sich uns als zweite Frage auf:

Wann Diktatur beginnt, das haben wir gesehen, aber wann hat eine Demokratie verloren.

 

Mit Blick auf unsere Zivilisation und Wirtschaft steht ohne jede Vergleichsmöglichkeit die dritte Frage vor uns:

Wenn die Natur kollabiert, werden unsere Kinder und Enkel es tödlich spüren,

aber ab wann wird dieser Zerstörungsprozess unumkehrbar gewesen sein.

 

Welche „anderen Sätze“ also suchen wir, brauchen wir, finden wir, vereinbaren wir unter uns, um diese drei in sich verschränkten Aufgaben miteinander gemeinsam zu lösen:

 

Ø  Krieg und Kriegsvorbereitung zu überwinden, 
also die äußere/internationale Sicherheit ziviler und stabiler zu schaffen mit schrittweiser Abrüstung und in internationaler Kooperation.

 

Ø  Die Demokratie zu schützen, 
also sie zu einer sozialen Demokratie zu entwickeln mit fairer Verteilung des Reichtums und mit Teilhabe für alle.

 

Ø  Die Zerstörung des Ökosystems zu stoppen,
also uns einzufügen „als Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

 

Caput 3

 

Wenn wir jetzt auf den Ort der ehemaligen Garnisonkirche Potsdam blicken, sehen wir eine heillose Baustelle und keinen Ansatz, diese Zukunfts-Fragen dort in historischer Perspektive zu erörtern.

 

Ja, die Stiftung Garnisonkirche verwischt mit dem Bau der Fassade und auch in den Begründungen für ihr Bauvorhaben die Grenze zum ‚Geist von Potsdam‘ mehr als sie zu erhellen.

 

Zugleich wird die Chance verspielt, nun schon seit 15 Jahren, den exponierten Geschichtsort Garnisonkirche Potsdam zu einem wertvollen, spannenden, inspirierenden, lebendigen Lern-Laboratorium für Deutschland zu machen.

 

Deshalb braucht es einen neuen Ansatz für diesen Ort in erweiterter Verantwortlichkeit, um konzeptionell neu über Namen, bauliche Gestaltung, inhaltliche Schwerpunkte und städtische Bedarfe nachdenken und entscheiden zu können.

 

Deshalb muss die Stiftung Garnisonkirche die Herkunft ihrer Spenden offen legen und bisherige zurückzahlen, wenn die Spender dies ablehnen.

Das sollte eine demokratische Selbstverständlichkeit sein.

Es befreit zugleich die Stiftung Garnisonkirche von falscher Abhängigkeit und eröffnet ihr die Chance, sich in eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit dem Ort und in breite Kooperationen zu begeben.

 

Deshalb dürfen aus öffentlichen Töpfen und kirchlichen Mitteln keine weiteren Gelder für das defizitäre Spendenprojekt nachgeschossen werden. Die kirchlichen Darlehen sind wie von den Gremien beschlossen fristgerecht zurückzuzahlen.

 

Die Stadt Potsdam, Bürgerinnen und Rat, haben entschieden, sich finanziell nicht zu beteiligen an diesem für ihre Stadt inhaltlich so bedeutsamen Ort. Sie müssen gehört werden und in neuer Konstellation die Gelegenheit erhalten, an dieser Stelle wieder mitgestalten zu können.

 

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier erklärte sich zur Patenschaft bereit – und hält sich seither klug zurück. Aus seiner Amtsperspektive – für alle und aufs Ganze – würde ihm ein neuer Ansatz entgegenkommen. Er würde ihn sicher gerne unterstützen.

 

Evangelische Christenmenschen sehen die Verantwortung ihrer Kirche und sind unfroh über das Bauvorhaben. Sobald sie anfangen genauer hinzuschauen, wenden viele sich ab. Wie anders war doch, aus gutem Grund, die Begeisterung für den Wiederaufbau der Ruine der Frauenkirche in Dresden…

 

Caput 4

 

Wir bitten alle Mitmenschen, einmal kurz und genau hinzuschauen und sich öffentlich zu artikulieren – im ‚Geist von Weimar‘, in den demokratischen, friedlichen, sozialen und ökologischen Traditionslinien unserer Republik.

Dann kommt Bewegung in die Sache.

 

Es lebe der demokratische Streit!

 

 

Weimar, Deutsches Nationaltheater, 8. Februar 2019

Potsdam, Kreativhaus Rechenzentrum am Ort der ehemaligen Garnisonkirche, 9. Februar 2019

Martin-Niemöller-Stiftung,

gez. Pfarrer Michael Karg, Vorsitzender